TailorWord #4: Von „postfaktisch“ zu „multireal“

Gefühlte 15 Jahre ist es her, dass die Wettervorhersage für Temperaturen eine zweite Maßeinheit einführte. Die „gefühlte Temperatur“ wurde im nasskalten und windigen Winterwetter schnell zu der zweiten Größe neben den in Zahlen gemessenen Minus- oder Plus-Graden. War das damals der Ursprung der postfaktischen Ära von dem heute nicht nur die Kanzlerin spricht? Das Phänomen, dass Fakten gegenüber der gefühlten Wahrnehmung eine untergeordnete Rolle spielen, ist nicht neu. Politikfähig wurde es spätestens mit der Aussage des AFD Vorsitzenden in Berlin, Georg Pazderski: „Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht da drum, wie das der Bürger empfindet. Das heißt also das, was man fühlt, ist auch Realität.“ Auch im aktuellen US-amerikanischen Wahlkampf belegt der dortige Faktencheck nur, dass sich in Wirklichkeit keiner daranhält. Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen und keiner regt sich auf.

Gefühlt scheint es einen Zusammenhang zwischen der Reduktion von Fakten und der Multiplikation von Wirklichkeiten zu geben. Im politischen Diskurs, ob bei uns in Deutschland oder in den USA und anderswo, geht es immer mehr um die einzig wahre, wirkliche Realität. Die AFD in Deutschland argumentiert oft damit, dass sie die einzige Partei ist, die sich nicht der Realität verschließt. Hillary Clinton weist abschätzig darauf hin, dass Donald Trump in seiner eigenen Wirklichkeit lebt, was im Umkehrschluss bedeutet, dass sie die allgemeingültige Wirklichkeit gepachtet hat. Dass bei dem Gezänke um die Deutungshoheit der Realität die Fakten auf der Strecke bleiben ist nachvollziehbar. Der Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit und Anerkennung wird nicht zuletzt im Gefecht um Wirklichkeiten und Realitäten entschieden.

In der Wirtschaft ist die Wirklichkeit längst zu einer Ware bzw. zu einem Sortiment geworden. Eine ganze Industrie versorgt ihr nicht mehr nur junges Publikum mit virtuellen Realitäten (VR). Weit über die Computerspiele hinaus durchdringt die interaktive Vermischung der reinen Realität mit einer virtuellen Realität die Unterhaltungs- Kommunikationsbranche. Durch eine VR-Brille kann man in Echtzeit andere Welten mit eigenen Augen sehen. Auch das Smartphone ist auf dem besten Weg die Fernbedienung für unsere individuelle Realität zu werden.

Wir leben in einer Welt, in der Fakten durch Gefühle ersetzt und Realitäten nach Belieben gestaltet werden können.

Gefühlt führt also die „postfaktische Epoche“ in der wir uns zurzeit befinden in das „multireale Zeitalter“. Und faktisch sind wir schon mitten drin.

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